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Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Besuchs der Zentrale des Goethe-Instituts

8. September 2008

Ich freue mich, heute das Goethe-Institut – besser gesagt: seine Zentrale – besuchen zu können. Ich freue mich auch, dass wir hier von der Staatsregierung herzlich willkommen geheißen werden. Ich habe keinen Zweifel daran – trotz aller Lebensqualität auch in Berlin –, dass die bayerische Lebensqualität überragend ist und die Mitarbeiter dadurch noch motivierter sind, als sie es sowieso sind.

Ich habe mir in den Außenstellen in den vergangenen Jahren bereits ein Bild von der Arbeit des Goethe-Instituts machen können. Aber dieser heutige Besuch ist natürlich auch Ausdruck der Wertschätzung der vom Goethe-Institut für die auswärtige Kulturpolitik insgesamt geleisteten Arbeit. Der Staatssekretär aus dem Auswärtigen Amt, Herr Ammon, ist heute mit dabei. Wir werden die Dinge, die uns als Anregungen mit auf den Weg gegeben wurden, natürlich auch gerne weiter bearbeiten und in die parlamentarischen Bereiche tragen.

Ich habe mich in Neu Delhi bei einer Gesprächsrunde mit jungen Indern über die Sprachausbildung informieren können. Bei der Ausstellung „Die Europäerinnen“ in Brüssel habe ich auch interessante Eindrücke von der Arbeit im europäischen Bereich gewonnen. Eben habe ich in einer umfassenden Diskussion mit verschiedenen Abteilungen noch einmal gesehen, wie beeindruckend die Bandbreite der Arbeit des Goethe-Instituts ist. Sie ist so vielfältig und einmalig, wie es natürlich auch unsere eigene Kulturlandschaft ist. Wir sind sehr stolz darauf, im Ausland durch das Goethe-Institut so etwas wie eine Visitenkarte unserer Kulturlandschaft zu haben.

Der Wirkungskreis von Kunst und Kultur ist in seiner Bedeutung weit über dem unmittelbaren Wirkungskreis anzusiedeln. Opernhäuser, Museen und Sprachschulen sind sozusagen Orte der Inspiration, die die gesamten Gesellschaften beeinflussen und verändern können. Kunst und Kultur sind ja weit mehr als unterhaltende Elemente. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Innovationskraft, Ausdruck und Grundlage für den Zusammenhalt und die Identifikation mit einem Land, einer Region oder einem Volk.

Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt – ich zitiere: „Unsere Kultur ist gewachsen wie ein kräftiger und vielgestalteter Mischwald. Er leistet seinen Beitrag zur lebensnotwendigen Frischluft.“ Schon die Erklärung des Mischwaldes in seinem jahreszeitlichen Wechsel ist in manchen Bereichen der Welt natürlich gar nicht so einfach und sagt etwas über unser Lebensgefühl und unsere Prägungen aus, aus denen natürlich auch unsere kulturelle Vielfalt entstanden ist.

Die Kultur, mit der wir uns identifizieren, in der wir uns heimisch fühlen, ist für uns eben wie die Luft zum Atmen. Man weiß, dass diese Luft in vielen Bereichen der Welt nicht nur im rein chemischen Sinne schlechter ist, sondern dass diese Luft zum freien Atmen, die wir heute haben und die uns in unseren Entscheidungen sehr viel freier macht, erst noch erkämpft bzw. geschaffen werden muss und dass, wenn die Freiräume vorhanden sind, man lernen muss, mit ihnen vernünftig umzugehen. Auch das ist manchmal gar nicht so einfach. Unsere Kultur bietet also Entfaltungsmöglichkeiten für die Seele unserer Gesellschaft, das Fundament für die Gestaltung des Miteinanders in unserem eigenen Land und natürlich auch mit anderen Völkern auf der Welt.

Das Goethe-Institut ist international das Symbol für kulturellen Austausch mit Deutschland. Herr Professor Lehman hat davon gesprochen: Es gibt rund 130 Institute in mehr als 80 Ländern. Das Goethe-Institut leistet mit seiner Spracharbeit natürlich auch einen wesentlichen Beitrag dazu, Barrieren zwischen den Ländern abzubauen und Deutschland als ein attraktives Land erscheinen zu lassen. In Ihren Auslandsinstituten werben Sie für unser Land und unsere Kultur. Die Aufgabe, Kreativität, Bildung und Kultur zu vermitteln, kennt keine Grenzen – ob es nun etwa um die deutschen Kulturwochen in Vietnam unter dem Motto „Hip-Hop und Haydn“ geht, um die deutsch-israelischen Kulturtage oder um den „Kunstsommer“ in Wellington. Man findet zahllose Beispiele für Initiativen.

Allerdings glaube ich auch, dass diese interessanten Angebote in den letzten Jahren doch in einer kohärenteren Form sichtbar geworden sind; wir haben heute sehr viel darüber gesprochen. Man muss nicht sozusagen solitär sein und sich von allen anderen abgrenzen, sondern man kann verflochten und vernetzt sein. Ich glaube, das stärkt die Goethe-Institute und unser Bild im Ausland. So können die Menschen dann auch besser hören und verstehen, über welche kulturelle Vielfalt Deutschland verfügt – mit großen kulturellen Leistungen in der Musik, der Literatur, der Malerei oder der Architektur und natürlich auch mit vielen attraktiven modernen und der heutigen Zeit entspringenden künstlerischen Aktivitäten.

Ich habe mich gerade eben danach erkundigt, ob die Kunstszene eigentlich auch scharf darauf ist, Kooperationen mit dem Goethe-Institut einzugehen. Und ich habe mit Freude gehört, dass gerade die jüngeren Künstler außerordentlich daran interessiert sind, sich auch jenseits der Grenzen Deutschlands präsentieren zu können. Ich glaube, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt.

Wir sind natürlich als Bundesregierung außerordentlich daran interessiert, dass das Bild, das wir von unserem Land in der Welt vermitteln, ein modernes, weltoffenes und vielfältiges Bild ist. Dabei ist die Arbeit der Goethe-Institute natürlich ein ganz wichtiger Pfeiler. Ich glaube manchmal, sie ist ein noch etwas unterschätzter Pfeiler. Aber wir können sagen, dass diese Bedeutung der Goethe-Institute von der Bundesregierung in den letzten Jahren sehr deutlich unterstrichen wurde. Es gibt auch eine gute Unterstützerschaft im Deutschen Bundestag, obwohl die Bedeutung der auswärtigen Kulturpolitik über die Grenzen der jeweiligen Ausschüsse hinaus an manchen Stellen durchaus auch noch der Verbreitung bedarf.

Wir wollen natürlich auch die Werte, nach denen wir leben – Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte –, vermitteln, weil wir glauben, dass diese Werte nicht typisch deutsch sind, sondern eine universelle Gültigkeit haben. Wir glauben, dass solche Werte Menschen Orientierung geben können, um in ihrem eigenen kulturellen Kontext für sich eigenständige Entscheidungen fällen zu können. Wir glauben, dass sie einen wichtigen Beitrag zu Konfliktprävention und Stabilität vieler Länder auf der Welt leisten.

Das heißt also: Es geht in der auswärtigen Kulturpolitik einerseits um eigenes Interesse, um ein Stück Sympathiewerbung für unser Land – das wird in der Bevölkerung als Interesse vielleicht oft etwas unterschätzt –, und auf der anderen Seite um einen Dialog über Werte und Einstellungen. Das jeweilige Verständnis von den Kulturen soll dabei natürlich auch gestärkt werden.

Dass diese Aufgabe nicht aktuell wäre, würde wohl keiner behaupten. Sie ist aktueller denn je. Denn in dem Maße, in dem sich die Welt vernetzt und in dem das Phänomen dessen, was wir als Globalisierung bezeichnen, immer spürbarer wird, erlangen auch das Wissen und Kennen anderer Kulturen natürlich eine außerordentliche Bedeutung. Uns allen erwächst durch die Möglichkeiten des Internets die Fähigkeit, eigentlich jede Information von jedem Ort der Welt aus in Echtzeit und sofort zur Verfügung zu haben, aber damit natürlich noch lange nicht die Fähigkeit, im Sinne des Verknüpfens von Informationen und des Verstehens wirklich etwas zu wissen. Ich glaube, dass jüngere Generationen jetzt in eine Welt hineinwachsen, die mit einem ganz anderen Verständnis mit diesen neuen Möglichkeiten leben, aber dass es unglaublich wichtig ist, dass nicht nur wir diese Globalisierung erfassen können, sondern dass wir einen Beitrag dazu leisten, dass auch andere das schaffen.

Wenn man sich einmal vor Augen führt, dass es viele Länder auf dieser Welt gibt, die gewaltige Sprünge in der gesellschaftlichen Entwicklung machen, die in Windeseile bestimmte Dinge schaffen, für die wir Jahrhunderte gebraucht haben, die also sozusagen von bestimmten monarchischen Strukturen direkt ins Internetzeitalter kommen, dann sind das schon Kultursprünge, die sicherlich auch ein Stück weit der Vermittlung durch andere Länder und des Erfahrungsaustauschs mit anderen Ländern bedürfen. Ich glaube, Deutschland kann hierbei einen wesentlichen Beitrag leisten.

Wir merken also: Bei der auswärtigen Kulturpolitik greifen Innen- und Außenpolitik direkt ineinander. Es ist auch ein Phänomen der Globalisierung, dass man Innen- und Außenpolitik in vielen Bereichen im Grunde genommen gar nicht mehr unterscheiden kann. Das gilt für die Kulturpolitik natürlich genauso. Es gibt also eine Verflechtung. Und das ist auch das Motto, dessen sich das Goethe-Institut bedient. Ich bin sehr dankbar dafür, Herr Professor Lehmann, dass Sie das auch ganz offensiv vertreten. Hierbei hat es in den letzten Jahren sicherlich ein Umdenken in der Arbeit der Goethe-Institute gegeben. Dass wir politisch durch vernünftige haushaltliche Ausstattung auch ein Stück dazu beitragen konnten und dass Umdenken nicht Einsparen bedeutet, sondern dass Umdenken auch Erweiterung der Fähigkeiten und Fertigkeiten bedeutet, hat auf die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicherlich einen guten Einfluss gehabt. Ich habe jedenfalls diesen Eindruck aus dem Zusammentreffen mit den Mitarbeitern mitgenommen, das wir gerade erst hatten.

Ich begrüße außerordentlich, dass das Goethe-Institut seine Partnerschaften im Sinne der Vernetzung sehr erweitert hat. Es gibt engste Beziehungen zum Deutschen Bundestag und enge Beziehungen zur deutschen Wirtschaft, was dann auch in der Auslandsarbeit deutlich wird. Das Thema Schulpartnerschaften ergibt ganz neue Ansätze, die nicht mehr nur darauf ausgerichtet sind, sofort eine ganze deutsche Schule zu bauen, sondern eben auch darauf, Partnerschaften einzugehen und dann mit den vorhandenen Mitteln vielleicht vieles zu bewegen.

Im Haushaltsentwurf 2009 steht ein Plus von 7,5 Prozent. Ich vermute einmal, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages dafür kämpfen werden, dass das in den parlamentarischen Beratungen nicht etwa nach unten revidiert wird. Es ist also ein überproportionaler Zuwachs vorgesehen – im Vergleich zum Gesamthaushalt des Auswärtigen Amtes, der aber immerhin einen Zuwachs von fünf Prozent verzeichnet. Das zeigt, dass die auswärtige Kulturpolitik ein ganz spezieller Schwerpunkt der Arbeit des Auswärtigen Amtes ist und sie damit also auch große Wertschätzung erfährt. In Euro bedeutet das mehr als 700 Millionen; diese Marke wird jetzt überschritten. Ich habe keinen Zweifel, dass Sie etwas Vernünftiges daraus machen werden.

Insgesamt ist die strukturelle Neuausrichtung also auf einem guten Weg. Das war nicht immer einfach. Hierbei ist vieles von unten nach oben gekehrt, jedenfalls einmal umgekehrt und neu geordnet worden. Deshalb ist das Goethe-Institut jetzt sehr gut gerüstet, seine Arbeit im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auszuformulieren. Wir müssen natürlich fragen: In welche Richtung wollen wir die auswärtige Kulturpolitik denn ausrichten? Was sind sozusagen die Leitfragen, von denen ich hier aus meiner Sicht einmal auf drei eingehen möchte?

Erstens: Welche Aspekte unserer nun wirklich vielfältigen und reichhaltigen Kultur wollen wir denn im Ausland eigentlich in den Mittelpunkt stellen?

Zweitens: Wie kann die Arbeit der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik einen Beitrag dazu leisten, dass wir im Wettbewerb um die besten Köpfe auf der Welt bestehen, und damit auch einen Teil dazu beitragen, dass wir unseren Wohlstand langfristig sichern können? Es ist ja nicht so, dass die ganze Welt darauf wartet, Deutschland mit seinen Eliten zu stürmen, sondern wir müssen durchaus darum werben, dass man unter vielen Möglichkeiten auch die in Deutschland in Betracht zieht.

Drittens: Was bedeutet der Aufstieg neuer dynamischer Wachstumsregionen für die regionale Schwerpunktsetzung der Auslandskulturarbeit?

Zunächst zur Frage der Priorität in der Vermittlung unserer Kultur. Ich bin gespannt darauf, dazu nachher in der Diskussion vielleicht noch einmal eine Anregung zu bekommen, denn die Frage ist ja nicht trivial. Jeder kennt einen, jeder weiß etwas, jeder hat eine Idee und manch einer bewirbt sich. Aber wie wird daraus eine Linie? Bei mir ist beim Nachdenken darüber die Frage aufgekommen, ob es nicht zumindest ein Leitprinzip sein könnte, etwas von unserem Bild vom Menschen, vom Individuum deutlich zu machen. Die europäische und die deutsche Geschichte sind ja mühselige Geschichten, in denen wir gegenseitigen Respekt und die Unteilbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen lernen mussten und was das bedeutet. Wir mussten lernen – in der Kunst kann man das wunderbar nachvollziehen –, die Individualität der Personen, das Zusammenleben der Personen und das Sich-Entfalten-Können auch wirklich durchzusetzen.

In diesem Jahr werden wir „90 Jahre Frauenwahlrecht“ feiern. Wir dürfen nicht vergessen: Wenn man manchmal in Ländern, in denen noch darum gekämpft wird, danach gefragt wird, dann wird einem bewusst, welche kurze historische Periode das war. Ich bin einmal gefragt worden: „Seit wann dürfen Frauen bei Ihnen wählen und seit wann dürfen Frauen Auto fahren?“ Beim Autofahren war es günstiger; Bertha Benz hat sozusagen schon selbst die ersten Modelle kutschiert. Aber mit dem Wählen war es natürlich nicht so toll. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass allgemeine, geheime und gleiche Wahlen mitnichten eine jahrhundertelange Tradition sind, sondern dass es viele Jahre lang Ständewahlrecht und anderes gab. Das, was uns heute so normal erscheint, ist in einem mühseligen, jahrhundertelangen Prozess entwickelt worden. Darüber zu berichten und das in den verschiedenen Aspekten zu zeigen – inklusive der individuellen Entfaltung jedes einzelnen Künstlers, der heute in ein anderes Land geht und sich präsentiert –, ist sicherlich eine große Aufgabe.

Ich habe gerade in der Besprechung Folgendes erzählt: Bei meiner Reise nach Lateinamerika habe ich an vielen Stellen in den Gesprächen mit der Zivilgesellschaft gehört, dass das Thema Bildung zwar an Bedeutung gewinnt, dass diese Bildung aber oft sehr technischer Natur ist und nicht dazu beiträgt, die Fähigkeiten des Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen, Schichten und Generationen wirklich und im eigentlichen Sinne zu fördern. Hierin sehe ich durch unsere Art der Konfliktbewältigung eben auch eine große Aufgabe für die Arbeit der Goethe-Institute.

Das schließt dann im Grunde auch den Austausch und den Vergleich des interreligiösen Dialogs mit ein. Ich glaube, dass wir uns allen miteinander einen Gefallen tun, wenn wir dies im Ausland sehr bewusst und auch ein Stück weit stolz auf unsere Art zu leben präsentieren. Denn einer unserer größten Gegner sind im Grunde das historische Unwissen und das Unwissen über die eigene Kultur. Auch bei uns muss man aufpassen, dass dieses Wissen nicht nur in einer kleinen Gruppe der Bevölkerung vorhanden ist, sondern sich in der Präsentation Deutschlands sozusagen in ganzer Breite deutlich macht.

Zur zweiten Frage, welchen Beitrag die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik im Wettbewerb um die klügsten Köpfe leisten kann. Es sollte, glaube ich, versucht werden, möglichst auch jungen Menschen einen Zugang zu Deutschland zu eröffnen. Das geht natürlich zuerst über die Sprache. Bildungspartnerschaften gehen weit darüber hinaus. Junge Menschen möglichst früh in einen lebenslangen Dialog mit unserem Land und für unser Land einzubinden, ist eine der spannenden Aufgaben, die auch wirklich vermehrt deutlich werden soll. Das zeigt sich auch in der Verstärkung der Sprachausbildung.

Die Sprache Goethes ist eine attraktive Sprache – auch in Zeiten des Industriezeitalters und des über das Industriezeitalter hinausgehenden Zeitalters. Aber man muss kämpfen. Wenn man sich die Entwicklung der deutschen Sprache mit den modernen Termini anschaut, wenn man deutsche Unternehmen besucht, dann sieht man vielleicht auch eine Möglichkeit für das Goethe-Institut, ab und an zu sagen: Wenn wir schon die deutsche Sprache lehren, dann wäre es nicht schlecht, wenn man für die allermeisten Worte auch eine deutsche Entsprechung suchen würde.

Ich habe neulich eine Hauptschule in Westfalen besucht, wo man mir freudestrahlend den „Assessment Report“ für jeden Schüler gezeigt hat. Ich war tief beeindruckt. Wir haben dann gemeinsam versucht, ein deutsches Wort dafür zu finden. Die Schüler haben mir erzählt, es gehe im „Assessment Report“ ausnahmsweise einmal um ihre Stärken. Das war anhand dieses Begriffs nicht gleich von vornherein zu erkennen, aber er war also mit einer positiven Konnotation verbunden. Was ich nun besonders schlimm fand, war, dass der englische Begriff die positive Betrachtung der Stärken impliziert und die Bestandsaufnahme im deutschen Geiste ansonsten im Wesentlichen etwas Negatives ist und Schwächen beschreibt. Das ist besonders dramatisch.

Ich wollte jetzt nicht für die Gründung weiterer Goethe-Institute in Deutschland plädieren, aber ich wollte sagen: Wenn wir unsere Sprache wirklich als eine selbstbewusste Sprache des 21. Jahrhunderts nach vorne bringen wollen, dann sollte man vielleicht im Wirtschaftsberaterkreis, den Sie um sich haben, vielleicht ab und zu einmal darauf hinweisen, dass ein deutsches Wort für wirtschaftliche Aktivitäten auch nicht schlecht ist. Wenn nämlich eines Tages unsere ausländischen Sprachschüler den Eindruck haben, dass der Deutschkurs ein halber Englischkurs ist, dann ist die Gefahr, dass sie wieder wechseln, doch zu groß.

Was ich hier ein bisschen scherzhaft gesagt habe, meine ich im Übrigen sehr, sehr ernst. Wenn wir uns selbst nicht mehr die Mühe geben, neue Begriffe ins Deutsche zu transferieren, dann wird die Sprache ziemlich kompliziert und im Übrigen auch immer unverständlicher. Wenn man europäische Sprache hört, also das, was man so aus Brüssel hört, dann muss man aufpassen, dass überhaupt jemand folgen kann, der sich nicht ganztätig in der Umgebung der Kommission herumtreibt. Das ist nicht so einfach, wenn man einmal Europawahlkampf macht und dann versucht, volkstümlich zu erklären, was so passiert. Das heißt aber nicht, dass ich Herrn Gauweiler in allen Fragen Recht gebe; das möchte ich dann doch noch einmal betonen.

Die 1.000 Partnerschulen – ich sagte es schon – sind sicherlich ein neues und auch wunderschönes Abenteuer, auf das Sie sich eingelassen haben und von dem wir uns gemeinsam sehr viel versprechen.

Meine dritte Frage betrifft regionale Schwerpunkte. Unsere Präsenz muss natürlich die gewachsene globale Verantwortung und auch die Interessenlage Deutschlands widerspiegeln. Deshalb ist es richtig, dass das Netzwerk des Goethe-Instituts vor allem in Asien, im Nahen und Mittleren Osten und in der Golfregion erweitert wird. Wir haben heute auch über Mittel- und Osteuropa, Südosteuropa und insbesondere Russland gesprochen. Es gibt in Russland eine sehr aufgeschlossene Bevölkerung, die auch ein hohes Interesse daran hat, die deutsche Sprache zu lernen. Hier sollten wir das durch vernünftige Angebote aufnehmen und nicht zu viele enttäuschen.

Mit der Sprache kommt dann natürlich auch das Interesse an der Kultur. Ich konnte das nicht zuletzt in Indien beobachten – einem Land, dessen Aufmerksamkeit wir natürlich genauso suchen sollten wie die Chinas. Ich freue mich auch, dass die Politik der Bundesregierung, die sich in verschiedenen Bereichen in besonderer Weise mit dem afrikanischen Kontinent befasst, auch in neuen Aktivitäten in Afrika ihren Niederschlag findet.

Insofern glaube ich, dass das Goethe-Institut mit allem, was es an Kapazität aufbringen kann, auf der Höhe der Zeit ist und sich den Anforderungen und neuen Herausforderungen stellt. Ich will deshalb auch noch einmal auf den Namensgeber, auf Goethe zurückkommen, der einmal gesagt hat: „Alles Gute, was geschieht, setzt das Nächste in Bewegung.“ Denken Sie also nicht, nach den vielen Umstrukturierungen wäre nun Stillstand angesagt. Wir wissen: Alles wird nur gut bleiben, wenn wir in den sich rasant ändernden Lebensumständen der Welt auch immer wieder nach vorne schauen und uns auf Neues einlassen. Ich glaube aber, und das möchte ich hier ausdrücklich sagen: Das Goethe-Institut ist auf einem guten Weg. Wir, Herr Professor Lehmann, versprechen, dass wir aus der Bundesregierung heraus gute Partner sein wollen. Sie konnten sich in den letzten Jahren davon überzeugen. Und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Ich möchte noch einmal mit einem herzlichen Dankeschön an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schließen, aber auch an alle Freunde des Goethe-Instituts. Wenn ich mir nämlich die Liste derjenigen anschaue, die heute Vormittag hier sind, dann zeigt sie eben auch die tiefe Verwurzelung des Goethe-Instituts in unserer Kulturlandschaft, in den Kirchenbereichen und bei denjenigen, die ein gutes Herz haben und eben auch viel Zeit für die Arbeit des Goethe-Instituts aufbringen. Auch denen sei Dank, denn ein solches Institut kann seine lebendige Wirkung nur entfalten, wenn es viele Freunde hat. Deshalb danke ich auch den Freunden des Goethe-Instituts.

Herzlichen Dank.

2010 erster Weltkulturgipfel

6. November 2007

“Das Forum Tiberius lädt ein zu einer neuen und großen Initiative”, sagt Hans-Joachim Frey, Vorstandsvorsitzender des Forum Tiberius und Generalintendant des Theaters Bremen, zu dem inDresden stattfindenden Gründungs-Symposium für ein World Culture Forum (Weltkulturgipfel). Hierzu erwarten die Initiatoren vom 23. bis 25. November über 200 Persönlichkeiten unter anderem aus Kunst, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion. Veranstaltungsorte sind die Gläserne Manufaktur von Volkswagen sowie die neuenRäumlichkeiten des Forum Tiberius am Dresdner Neumarkt. Neben dem Schirmherrn der Veranstaltung, dem Sächsischen Ministerpräsidenten Prof. Georg Milbradt, und seinem Amtsvorgänger Prof. Kurt Biedenkopf gehören auch Prominente wie die Opernregisseurin Katharina Wagner, Elke Heidenreich, Michel Friedman sowie Ex-Fussball-Nationalspieler Marco Bode zu den Teilnehmern. Ziel des Symposiums ist es, unter dem Leitsatz “Kultur ist mehr” ein World Culture Forum ins Leben zu rufen, das Anfang 2009 erstmals stattfinden soll.

Der ausgewählte Teilnehmerkreis setzt in dem dreitägigen Gründungs-Symposium die bereits 2006 begonnene Reflexion über die Rolle der abendländischen Kultur in unserer Gesellschaft fort. Im Mittelpunkt stehen beispielsweise Fragen zur gesamtgesellschaftlichen Funktion der Kultur und zu Wechselwirkungen, etwa zwischen Kunst und Wirtschaft. Ziel der diesjährigen Veranstaltung ist es, die Grundlage für ein erstes Konzept zur Durchführung eines World Culture Forum (WCF) zu schaffen. Längerfristig planen die Initiatoren um Hans-Joachim Frey, Prof. Kurt Biedenkopf und Prof. Meinhard Miegel,Vorstandsvorsitzender des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V., diese Initiative aus Deutschland auf den europäischen Raum auszurichten. Anfang 2009 ist ein erster Initiativkreis mit dem Schwerpunkt “Europa” vorgesehen, dem 2010 das erste große World Culture Forum folgt.

Ausgangspunkt der Überlegungen für ein WCF ist unter anderem, mit der Reflexion über die Kultur ein lobbyistisches Instrument zu schaffen: “Unter anderem möchten wir aufzeigen, dass Kunst wirtschaftlich erfolgreich ist und gleichzeitig für den geistigen Zusammenhalt einer Gesellschaft sorgt”, sagt Hans-Joachim Frey. Die Initiatoren des Weltkulturgipfels beziehen sich bei ihren Überlegungen auf einen erweiterten Kulturbegriff. Dieser definiert Wirtschaft und Politik ebenso als gleichwertige Teilbereiche der Kultur wie etwa Kunst, Religion, Wissenschaft oder Sport. “Die Ziele eines World Culture Forum sind hoch gesteckt! Wir wollen, dass alle fundamentalen Bestandteile abendländischer Kultur wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken”, sagt Prof. Meinhard Miegel. Im Gründungs-Symposium und den daran anschließenden Veranstaltungen steht die Diskussion über die Sinnstiftungs- und Definitionsmacht der Wirtschaft im Mittelpunkt, die zum bestimmenden Wesensmerkmal unserer Kultur geworden ist. Daran geknüpft ist die Suche nach Möglichkeiten, ein neues Gleichgewicht, eine neue Balance zwischen allen Bereichen unserer Kultur herzustellen. “Das kann nur gelingen, wenn sich auf dem Gründungs-Symposium wie auf künftigen Weltkulturgipfeln ein Gedankenaustausch auf gleicher Augenhöhe entwickelt”, so Hans-Joachim Frey abschließend.

Gastgeber bei den ersten beiden Tagen des Gründungs-Symposiums ist die Gläserne Manufaktur von Volkswagen, die das Vorhaben bereits seit längerem unterstützt. “Wir freuen uns sehr, Gastgeber dieser Initiative zur Gründung eines zukünftigen World Culture Forums zu sein, denn die Gläserne Manufaktur selbst repräsentiert den Geist dessen, wofür das World Culture Forum eine Diskussionsplattform sein will: Wirtschaft und die Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie müssen keinen Gegensatz zu Kultur und dem Menschen selbst darstellen”, sagt Stefan Schulte, Geschäftsführer der Automobilmanufaktur Dresden GmbH, der ebenfalls dem Gründerkreis des Weltkulturgipfel angehört.

Wer nicht persönlich am Symposium teilnehmen kann, hat die Möglichkeit, einen Großteil der Vorträge und Diskussionen in Hörfunk und Fernsehen zu verfolgen. Die Veranstaltung wird vom Deutschlandradio, dem ARD-Informationskanal “Phoenix” sowie von n-tv aufgezeichnet und teilweise live beziehungsweise an den darauf folgenden Tagen ausgestrahlt.

© Martin Haase

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