Der psychotherapeutische Ansatz - eine Führungsfalle?
7. Juli 2006
Vor einiger Zeit berichtete ein Vorstand von einer kontinuierlichen Regression einer Organisationseinheit innerhalb seines Unternehmens. Vor anderthalb Jahren war der damalige Leiter der OE in den Ruhestand gegangen, er hinterließ eine gut strukturierte und erfolgreich arbeitende Abteilung. Sein Nachfolger wurde besonders wegen seiner angeblich sozialen Kompetenz, die man auch an seiner psychotherapeutischen Zusatzqualifikation festmachte, auf diese Position befördert. Innerhalb weniger Monate entstand eine chaotische Führungsstruktur, Misstrauen unter den Angestellten breitete sich aus, Zusagen wurden gebrochen, der Leiter der OE galt als unverbindlich und unzuverlässig.
Ähnlich äußerte sich ein führendes Mitglied des Rates der evangelischen Kirche, das den Profilverlust der EKD unter anderem an der Überbewertung psychotherapeutischer Einflüsse in der Ausbildung und Berufspraxis von Pastoren und Pastorinnen, insbesondere auf Leitungsebene, festmacht.
In der Tat scheint sich die Annahme zu verdichten, dass ein, auf psychotherapeutisches Wissen basierendes Führungsverständnis, kontra-effizient als Führungsblockade wahrgenommen wird und Unsicherheit und Unruhe hervorbringt.
Dazu ein kurzer Exkurs: Im Mittelpunkt der Psychotherapie steht das individuelle seelische Leid. Es geht um die Beschäftigung mit dem eigenen Erleben, Denken, Fühlen und Handeln - mit dem Ziel, bestehende Probleme zu lösen, zu bessern, zu lindern oder zumindest handhabbar zu machen. Psychotherapie bedeutet, seelisches Leid zu heilen oder zu lindern, in Lebenskrisen zu helfen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern, Leidenszustände aufzugeben und die persönliche Entwicklung und Gesundheit zu fördern.
Offensichtlich produziert ein psychotherapeutisch geprägtes Berufsbild ein Helfersyndrom, das es unmöglich macht, eine profilierte Führungsrolle wahrzunehmen. Da auf jedes Problem eingegangen und permanent Verständnis für alle Beteiligten aufgebracht werden muss, scheint das Durchsetzen und Erreichen von Zielen nahezu unmöglich.
Es interessiert mich, welche Erfahrungen und Beobachtungen andere Gruppenmitglieder in diesem Zusammenhang gemacht haben.








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