Postmodern - was ist das überhaupt?
12. September 2008
Man hat unsere Gesellschaft als postmoderne Gesellschaft bezeichnet. Der Begriff „post-modern“ wird seit anfangs der achtziger Jahre zunehmend als Charakterisierung unserer Gesellschaft gebraucht, ist aber weiterhin sehr schillernd und vieldeutig geblieben. Es ist nicht klar, ob die Postmoderne eine Epoche bezeichnet, welche die Moderne ablösen soll, oder ob damit bestimmte Krisensymptome der Moderne gemeint sind, die jetzt zur Theorie gemacht werden, wobei aber auch diese Postmoderne als Entfaltung oder als Radikalisierung der Moderne zu verstehen ist.
Der Begriff wurde zuerst in der Literaturwissenschaft und in der Architektur verwendet. So wird als „postmodernismo“ eine bestimmte Phase der lateinamerikanischen Literatur zwischen den beiden Weltkriegen bezeichnet. In der amerikanischen Literaturwissenschaft begann 1959/1960 eine Kritik an den modernen Autoren: ihre Texte würden sich auf dem Niveau der Massenkultur bewegen. Im Gegenzug dazu wurde von Autoren, darunter von Susan Sontag, das Programm einer postmodernen Literatur formuliert, deren Leistung gerade in der Verbindung zwischen Elite- und Massenkultur bestehe, weil es ihr gelinge, eine Pluralität von Lesarten und Geschmacksurteilen hervorzubringen. Pluralität ist Kennzeichen der Postmoderne.
Umberto Eco wird dann die Semiotik (die Lehre von den Zeichen) auf die Literatur anwenden. Die These ist folgende: Wir verfügen nur über die Namen der Dinge, nicht über die Realität der Dinge selbst. Es geschieht ein Abschied von festgefügten Sinnhorizonten und alles wird aufgelöst in ein unübersichtliches Spiel mit Zeichen. Das Medium ist die Botschaft der Semiotik.
Ähnlich auch in der Architekturtheorie (1975) eines Charles Jencks, wo wiederum das Elitäre überwunden werden soll und die Sprache der Formen und Stile erweitert wird in verschiedene Richtungen, indem auch Bodenständiges, aber ebenso auch Exotisches und wiederum billige kommerzielle Elemente integriert werden.
Schließlich ist die Postmoderne von der Philosophie aufgegriffen worden, und hier vor allem durch Jean-Francois Lyotard, dessen Werke „La condition postmoderne (1979) und „Le différend“ (1983) bahnbrechend geworden sind. Lyotard betont, dass die großen Metaerzählungen der Moderne, die Idee von Fortschritt oder Autonomie des sittlichen Subjekts, von Vernünftigkeit und Gerechtigkeit, die großen Ideale des Sozialismus und des Christentums, die in unsere Institutionen und rechtlich-politischen Strukturen eingegangen sind, ihre prägende und allein bestimmende Kraft verloren haben. Lyotard: Wir leben heute in einer Welt des Nebeneinanders verschiedener Vorstellungen, in einer radikalen Pluralität.
Wir sind in einer postmetaphysischen Welt (weil die Meta-Erzählungen nicht mehr prägend sind). Vor allem wird betont, dass auch die moderne Medienentwicklung, die es ermöglicht, dass man auf den verschiedensten Ebenen Meinungen und Sinnentwürfe zugeliefert bekommt, diese Postmoderne als Radikalisierung der Moderne hervorgebracht hat. Dies hat seine Auswirkungen, die man als Krisenphänomene der Moderne oder als Symptome der Postmoderne verstehen kann.
Wir müssen damit rechnen, dass in der postmodernen Welt der Zeichen es eine allgemeine Ästhetisierung der Lebenswelt gibt. Diese Ästhetisierungen sind zwar ambivalent, aber sie „schärfen auch das Gespür für Relativität und helfen dabei, übertriebene Ansprüche und Phrasen wie Seifenblasen zerfallen zu lassen. Dies hätte dann auch Folgen für einen weniger apokalyptischen Umgang mit den Medien, die immer mehr der Kontrolle durch eine öffentlich-rechtliche Moral entzogen werden und auf dem freien Markt nach einem Publikum suchen, das wir nicht voreilig für zu dumm halten sollten. (Nach Prof. Dr. Karl Golser)








Meiner Ansicht nach ist heutige Medienkommunikation sowohl Indiz als auch Voraussetzung dafür, von Postmoderne zu sprechen; dass also PR, ÖA und auch das liebe Marketing lebende, man will sagen atmende Symptome für die ‘Diagnose: Postmodernismus’ auf kommunikativer Ebene sind. Das Spiel mit Codes und Zeichen und deren Bedeutungen, die Flüchtigkeit und Verhandelbarkeit ihrer Zuweisungen, die Kategorienkrisen, die Kurzlebigkeit medialer Inhalte und sozialer Konstrukte im fortwährenden Prozess des Kulturwandels, etc. All dies ist der kulturelle Hintergrund unserer projektförmigen Arbeitsorganisation, deren Inhalte und Lösungen auch immer ganz anders sein könnten. Was ist ist hieß es früher; was nicht ist ist möglich heute.
Der Medienphilosoph Vilém Flusser (1920-1991) entwirft die durch neueste Medien angelegte Entwicklung(bereits Anfang der 80er Jahre) als utopischen Gegenentwurf zu zeitgenössischen, meist pessimistischen Medientheorien und -kritiken. Dabei nahm er an, dass jede Gesellschaft vom Zusammenspiel zweier Kommunikationsformen geprägt wird: von Dialogen, die Informationen erzeugen und von Diskursen, durch die Information weitergegeben wird. In diese Richtung geht ebenso die Feststellung Flussers, dass es im “Universum der technischen Bilder” und in der “telematischen Gesellschaft” nicht (mehr) um Wirklichkeit geht, sondern allein um Wirkung. Übersetzt für uns: Was wirkt, ist real, ist zählbar, verwertbar, wohl auch verkaufbar. Aha. Aber ist das alles? Ist das nicht arg verwerflich, mag man fragen, die geliebte ideelle Wirklichkeit zu opfern für die “reine Bilderschau”, die Simulation, für ein so-als-ob?
Das Echte, Wahre, Reale war im Abendland leider stets jenseitig. Schon Kant hat die Wirklichkeit extrem in unser Bewusstsein, in unsere Erlebniswelt gerückt. Lediglich die Idee, dass es einen Sinn, eine Entität, eine tiefere Wahrheit hinter den - sagen wir heute ruhig: Bildern - gibt, besteht als Glaube oder Hoffnung bis heute weiter. Allein uns fehlt der Glaube. Und ist dieser nicht reichlich unbrauchbar, sollte es tatsächlich heute nur noch um Informationsgenese und diskursives Aushandeln gehen?
In den heutigen Diskursen stehen sich einige neue Binarismen gegenüber. Begriffspaare wie Freiheit versus Beliebigkeit, Mangel/Überfluss, Inklusion/Exklusion, Sinn/Unsinn - oder auch Bezeichnetes und Bezeichnendes. Diese Paare - das ist nicht unwichtig - ergänzen die alten, sie ersetzen sie nicht völlig. Michel Foucault spricht von “Spuren”. Denn immer noch geht es um Wahr und Falsch, um Hell und Dunkel, um Gut und Böse. Nicht erst wieder seit Harry Potter.
Immerhin: Spuren kann man zurückverfolgen - wenn man weiß, wo man steht und wo man suchen muss.
Oliver Z. Weber