‘Leading Simple’ - geniales System oder nur ein Plagiat?
2. Januar 2008
‘Führen kann so einfach sein’, lautet das Credo eines neuen Managementbuches der Autoren Boris Grundl und Bodo Schäfer. Auf der Grundl-Homepage wird es als ‘geniales System’ angepriesen. Genau genommen, handelt es sich um ein CD-Hörbuch und ein beigelegtes Handbuch. Das ganze läuft unter dem Titel ‘Leading Simple’, erschienen 2007 im GABAL-Verlag, Offenbach.
Täglich erscheinen Managementbücher, zumeist solche, die nicht nur den Erfolg, sondern Megasucces und Quantensprünge versprechen. Vollmundigkeit gehört zum Business as usual. Aber dieses Buch verdient eine gewisse Aufmerksamkeit, denn ‘Europas Money-Coach Nr. 1′, Bodo Schäfer, agiert als Führungsberater. Im Schlepptau hat er einen neuen Star, einen ‘Spitzenreferenten, der als Angehöriger der europäischen Trainerelite eine Ausnahmestellung einnimmt’ (Eigendarstellung der Autoren). Noch mehr Superlative gefällig?
Der Geldschamane Schäfer, angeblich schon mit 30 Jahren Millionär, brachte es mit seinem Buch ‘Der Weg zur finanziellen Freiheit’ zur Spitzenauflage von 10 Millionen Exemplaren. Darin gab der ehemalige Versicherungsvertreter preis, wie es jedermann in nur sieben Jahren vom Tellerwäscher zum Millionär schafft. Dass es anschließend eine Insolvenz und viel schmutzige Wäsche in der ‘Schäfer Finanzcoaching GmbH’ gab, sei hier nur am Rande erwähnt. Das hätte einem ‘Millionär’ und ‘Spitzenmanager’, als den Schäfer sich ausgibt, nicht passieren dürfen. Wer sich ins Glashaus setzt und den Scheinwerfer auf sich richtet, muss damit rechnen, dass andere mit Steinen werfen, vor allem jene, die noch immer auf die Segnungen seines Millionärsrezepts warten.
Der andere Autor, Boris Grundl, ist eigentlich ein No-Name in der Branche der Businessgurus und Illusionsverbreiter, aber einer, der mit aufdringlicher Selbstbeweihräucherung versucht, sich als Marke zu etablieren.
Seine Behinderung stellt er werbewirksam heraus, sozusagen als Beweis, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Solche psycholiberalen Prophezeiungen kennt man von Höller und Rathelband sowie anderen Think positiv-Einflüsterern. Grundl ist, so seine Eigendarstellung, ein “mitreißender Kongress-Redner”, und das trotz seiner eher mittelmäßigen Rhetorik, sowie “ein gefragter Autor und Gastdozent an mehreren Universitäten” (in Anführungszeichen = Eigenaussagen). Auf den Rezensenten macht er aber eher den Eindruck eines fleißigen Testomonialsammlers. Eigenlob + erheischtes Fremdlob, und mit Bodo Schäfer als Karrierecoach, schon ist der neue Führungsguru perfekt. Das Erzählen seiner eigenen Lebens- und Erfolgsgeschichte wird dann noch als ein ‘genial einfaches’ Führungssystem ausgegeben.
Mitarbeiterführung ist nach Grundl und Schäfer etwas schnell und leicht Erlernbares, etwa so wie der Dreisatz in der Mathematik oder ein Gedicht. Reifung, Persönlichkeit und Lebenserfahrung haben in ihrem Führungsmodell keinen Platz. Die Wechselwirkung von Person und Umfeld, der interaktive Gesamtzusammenhang bleibt ausgeklammert. Es kommt bei der Mitarbeiterführung vielmehr auf diese drei Aspekte an, bei den Autoren auch als Säulen erfolgreicher Führung bezeichnet:
* Aufgaben
* Hilfsmittel
* Prinzipien.
Der sachkundige Leser stutzt und fragt sich, wo er das schon mal gelesen hat. Ach ja, bei Prof. Fredmund Malik, St. Gallen, einem wissenschaftlichen Meinungsführer der modernen Managementtheorie. In seinem Bestseller ‘Führen, Leisten, Leben’, in zehn Auflagen (!) erschienen, beschreibt er diese drei Säulen wirksamer Führung:
1. Aufgaben
2. Werkzeuge
3. Grundsätze
Man ersetze das Wort ‘Werkzeug’ (Malik) durch ‘Hilfsmittel’ (Schäfer/Grundl), den Begriff ‘Grundsätze’ (Malik) durch ‘Prinzipien’ (Schäfer/Grundl), übernehme das Wort ‘Aufgaben’ unverändert und fertig ist ein ‘neues Führungssystem’ à la Schäfer/Grundl. Aber es kommt noch dicker: Man werfe einen Blick auf das, was Malik unter anderem unter der Überschrift ‘Führungsaufgaben’ beschreibt:
* Menschen entwickeln und fördern,
* kontrollieren,
* Für Ziele sorgen,
* Organisieren.
Bei Schäfer und Grundl heißt es
1. Menschern fördern,
2. Kontrollieren
3. Den Unternehmenszweck erfüllen (bei Malik die Ziele),
3. Systeme schaffen (Organisieren?)
Das, was Malik ‘Werkzeuge’ nennt, ersetzt das Autorenduo Schäfer/Grundl durch ‘Hilfsmittel’. Hier übernehmen sie, ohne den Vater des Gedankens zu nennen, Maliks Gliederungspunkte ‘Job Design’ und ‘Budget’, zwei Punkte, die sich vor Malik in keinem Führungsbuch befanden.
Bei den Grundsätzen langen Schäfer und Grundl so richtig zu. Unter dem Begriff ‘Prinzipien’ plagiieren sie von Malik diese Punkte:
* Resultatorientierung (bei Schäfer/Grundl ‘Ergebnisorientierung’),
* Stärken nutzen (bei Schäfer/Grundl ‘Konzentration auf Stärken’),
* Positiv denken (bei Schäfer/Grundl ‘Positives Betriebsklima’)
* Vertrauen (bei Schäfer/Grundl ‘Vertrauen aufbauen’)
Fredmund Malik könnte sich freuen, dass sein Buch in grafisch aufgelockerter Form, mit weit auseinander gezogenem Text, in Tabellen gegossen, mit vielen Checklisten ausgestattet und jeder Menge Notizraum und Leerblättern für Eigennotizen nebst plakativen Hervorhebungen regelrecht ‘inszeniert’ wurde. Das Ganze dann noch durch eine CD angereichert, auf der Grundl berichtet, wie er es mit seinem (oder Maliks?) System zum Spitzenmanager brachte, aber vorsorglich die Firmen nicht nennt.
Denkbar wäre aber auch, dass der Hochschullehrer Malik die Missachtung der Zitationsordnung rügt. Die Übernahme fremder Gedanken kennzeichnet man korrekterweise durch ein ‘Vgl. F. Malik: ….’ in der Fußnote oder nennt den Ursprungsautor im Text. Alles andere führt bei Studenten zur Note 5. Da der Name Malik an keiner Stelle des Buches und in keiner Fußnote erwähnt wird, haftet ‘Leading Simple’ der üble Geruch des konzeptionellen Plagiats an. Der sachkundige Leser sieht Maliks ‘Führen, leisten, leben’ auf vielen Buchseiten wie ein Wasserzeichen durchschimmern.
Theodor Fontane beklagte sich im ‘Stechlin’ über jene neuen Bücher, die aus fünf vorhandenen zusammen geschrieben wurde. Beim Zweigespann Schäfer/Grundl genügt Maliks Buch allein, das ausgedünnt und mit einer Erzählstory auf CD angereichert, kaum auf dem Markt schon als Bestseller propagiert wird. Fazit: Leading Simple ist der misslungene Versuch Malik zu vereinfachen. Diese Simplifizierung ist aber so stark, dass nur ein sehr simples Buch dabei heraus gekommen ist. Der interessierte Leser ist mit dem Original von Malik besser bedient.








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