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Werte und Wertewandel in der Moderne und Postmoderne

11. Oktober 2007

Die sozialkulturelle Entwicklung im Zeichen des Wertewandels – in den westlichen Industriegesellschaften insgesamt und vor allem in der Bundesrepublik, auf die ich mich heute beschränke – spielte und spielt sich in wesentlichem Maße im Bereich der Privatheitsformen ab, mit substantiellen öffentlichen und gesellschaftlich-politischen Weiterungen. Seit den sechziger Jahren hat sich, wie wir schon im nordhessischen Dorf gesehen haben, eine fundamentale Pluralisierung der Privatheitsformen vollzogen, in der sozialen Praxis ebenso wie, eng damit verbunden, hinsichtlich der allgemein akzeptierten Normen und Werte.
Aus der Kernfamilie eines verheirateten Ehepaares mit Kindern, der Norm und auch der Regel in den fünfziger Jahren, bildeten sich allein schon vier Paarkombinationen heraus: nämlich verheiratete und unverheiratete Paare mit und ohne eigene und nicht eigene Kinder. Hinzukamen die Alleinerziehenden sowie die Alleinlebenden und, neuerdings sozial zumindest offiziell nicht mehr geächtet, homosexuelle Lebensgemeinschaften. Fast alle dieser Lebensformen sind als soziale Massenphänomene ebenso neu wie der Tatbestand der gewollten Kinderlosigkeit als akzeptiertes und sozial üblich gewordenes Phänomen – auf diese Weise haben sich die Geburtenraten seit den sechziger Jahren beinahe halbiert, und die Reproduktion der Gesellschaft um den Faktor 0,7 geht inzwischen in die zweite Generation. Diese Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens steht in enger Wechselwirkung mit einer Fülle von weiteren Entwicklungen, von denen ich vier herausstellen möchte: Geschlechterbeziehungen, Sexualmoral, Freizeit und Entkirchlichung.
Erstens: die Geschlechterbeziehungen im Zeichen dessen, was ein thesenfreudiger Soziologe die „Entfamiliarisierung der Frau“ genannt hat, jedenfalls ihrer Lösung aus dem Modell der„Ernährer-Hausfrau-Familie“. Die Entwicklung der Geschlechterbeziehungen seit den sechziger, eher siebziger Jahren zählt zu den tiefstgreifenden Veränderungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Politisch zunächst von der „neuen Frauenbewegung“ in den siebziger Jahren aufgebracht, setzte sich der Anspruch auf Gleichberechtigung bzw. den Abbau von geschlechtsspezifischer sozialer Ungleichheit vor allem auf dem Wege einer schrittweisen Veränderung der politischen Kultur durch. Was ich meine, zeigt sich in nuce an unserem automatischen Befremden über einen Satz, der im Wahlkampf von 1972 nicht allzu viele störte: „Wir haben die richtigen Männer“, plakatierte die SPD – „Wählen Sie Anke Fuchs“. Der Unterschied zum Jahr, in dem die Bundesrepublik von ihrer ersten Kanzlerin regiert wird, liegt auf der Hand. Dass Angela Merkel dabei um ihre Weiblichkeit wenig Aufhebens macht, macht diesen Wandel nur noch deutlicher. Und natürlich wird dies durch ein Amt, durch einen Beruf sichtbar. Denn Berufstätigkeit von Frauen war der Kristallisationskern der weiblichen Emanzipation – ganz im Sinne der Moderne, denn im Gegensatz zur vormodernen ständischen Gesellschaft wird gesellschaftlicher Status in
der modernen Leistungsgesellschaft nicht durch Geburt, sondern in erster Linie über Erwerbstätigkeit und Berufsposition zugewiesen. Der wirksamste Katalysator dieser Entwicklung war Bildung – insofern waren es in wesentlichem Maße Frauen, die von den Bildungsreformen seit den sechziger und siebziger Jahren profitierten. Überhaupt die Bildungsreformen: viel wird an Universitäten und Schulen, oft mit gutem Recht, über den Verfall von Bildung und Bildungsinstitutionen lamentiert. Ein anderes wird aber dabei übersehen: nämlich eine gleichzeitige Höherqualifizierung von weiten Teilen der Bevölkerung und somit, in den guten Zeiten der Bundesrepublik, eine allgemeine gesellschaftliche „Umschichtung nach oben“. Zugleich beförderte zunehmende Bildung Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen im Bereich von Werten sowie von Privatheitsformen und Lebensstilen.
Damit kommen wir zum Ausgangspunkt zurück und nun zur zweiten Entwicklung. Indem die sogenannte bürgerliche Kernfamilie nicht mehr den Norm- und den Regelfall darstellte, verlor auch die Institution Ehe an Funktion und Bedeutung. Fand es noch 1967 weniger als ein Viertel der jungen Frauen in Ordnung, mit einem Mann unverheiratet zusammenzuleben, so hatte sich das Verhältnis bereits wenige Jahre später umgekehrt: nun sahen gut drei Viertel nichts dabei. Ehe und Elternschaft entkoppelten sich ebenso wie Partnerschaft überhaupt und Elternschaft, und ebenso Sexualität und Ehe. Dahinter steht ein Wandel der Sexualmoral, der weit über die sexuelle Befreiung im Umfeld von 1968 und Kommune 1 hinausging, ja auch hier vielmehr durch allgemeine sozialkulturelle Prozesse vorangetrieben wurde, in diesem Falle nicht zuletzt die Massenmedien im Zeitalter des dualen Rundfunksystems. Allgemein ist eine zunehmende Permissivität festzustellen, sowohl in den Haltungen als auch – dort allerdings, wie die Sexualwissenschaftler gemessen haben, weniger – im Verhalten.
Damit sind wir bei einer dritten Entwicklung: der Freizeitgestaltung im Zeichen anspruchsvoller individualisierter Lebensstile. Freizeit gewann in der sozialen Praxis und mehr noch im Diskurs der achtziger Jahre eine solche Bedeutung, dass Sozialwissenschaftler ihr eine größere Bedeutung für die soziale Struktur der Gesellschaft zuzuschreiben begannen als der materiellen Schichtung. Gerhard Schulzes Gesamtbeschreibung der „Erlebnisgesellschaft“ etwa stammt aus diesem Kontext; ihr Hauptziel lag dabei im „Projekt des schönen Lebens“ samt seinem Erlebnis.
Nun hat sich diese Zustandsbeschreibung in der deutschen Tristesse des frühen 21. Jahrhunderts als Phänomen eines verbleichenden Wohlstands herausgestellt, und nicht nur Peter Scholl-Latour und Peter Hahne haben das Ende der Spaßgesellschaft ausgerufen. In der Tat hat sich mancher Trend der achtziger Jahre inzwischen umgedreht, so dass schon von einem „Wandel des Wertewandels“ gesprochen worden ist. Was sich indessen bislang nicht geändert hat, ist der Rückgang der Geburtenraten: sie sind, mit einem kurzen Zwischenhoch am Ende der neunziger Jahre, seit 1991 in der Tendenz konstant gesunken. Und was ebenfalls bleibt, ist, dass Freizeit in hohem Maße die Religion ersetzt hat. Der Soziologie Heiner Meulemann deutet den gesamten Wertewandel vor diesem Hintergrund als eine „Art zweiter Säkularisierung“.
Das ist die vierte Entwicklung: der Rückgang von Kirchenbindung, am deutlichsten ablesbar an den Kirchenbesucherzahlen, die seit den sechziger Jahren erheblich zurückgegangen sind. Religion ist zunehmend privatisiert worden, und Religiosität ist diffuser geworden – ganz zu schweigen vom sozialistischen Erbe der flächendeckenden Entkirchlichung in den neuen Ländern. Die Kirchen haben an allgemeingesellschaftlicher Normsetzungskompetenz verloren, wie sich im Falle der Sexualmoral oder der Abtreibung zeigte. Zugleich hat der Rückgang an Kirchenbindung Auswirkungen auf die allgemeinen Werthaltungen: wie die Allensbacher Meinungsforscher mit obligat kulturpessimistischem Einschlag festgestellt haben, urteilen kirchlich Gebundene nämlich in vielen gesellschaftlichen Fragen moralisch anders als kirchlich nicht Gebundene: von Abtreibung und Sterbehilfe bis hin zu Steuerhinterziehung und Schwarzfahren.

(Aus der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Andreas Rödder an der Universität Mainz: “Werte und Wertewandel in Moderne und Postmoderne” vom 01. Dezember 2005)

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