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Menschlich führen

7. Dezember 2009

edgarmachelMenschlich führen: Wie gute Mitarbeiter gehalten und schlechte besser werden können. (Teil 1)

von Dr. Edgar Machel

Viele Unternehmen geben als Grund für den Erfolg ihre Mitarbeiter an. In verschiedenen Leitbildern wird auf das wichtigste Kapital – die Mitarbeiter – verwiesen. Und nicht wenige legen Wert auf kontinuierliche Fortbildung, um sie zu fördern oder zumindest zu halten. Dennoch leben wir in einer Zeit, die das Halten guter Mitarbeiter besonders herausfordernd macht.

  1. Das Stichwort Rezession ist in aller Munde und jeder hofft, dass es so schnell wie möglich wieder aufwärts geht. Die Situation mag dazu führen, dass selbst gute Mitarbeiter verloren gehen, weil die wirtschaftliche Lage es erfordert. Dazu kommt, dass das Vertrauen in die Führung durch die vielen Skandale nicht gerade positiv ist (Managergehälter, VW-Affäre, Siemensaffäre, Zumwinkel u.a.) und der Umgang mit den Mitarbeitern besondere Aufmerksamkeit bedarf.
  2. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz, ein Zustand der nicht gerade leistungssteigernd ist. Dazu kommt, dass die Krankmeldungen wieder steigen. Besorgniserregend ist die Tatsache der Zunahme der psychischen Krankheiten, die signalisieren, dass das Betriebsklima bei nicht wenigen Firmen problematisch ist.
  3. Ein schlechtes Betriebsklima kostet eine Menge Geld. Durch Mobbing allein entstehen ca. 20 Mrd./ Jahr an Kosten. Ein Fehltag kostet zwischen 100-400€ pro Tag. Weiterhin geben insgesamt 25% aller Mitarbeiter an, innerlich gekündigt zu haben. Die Berechnung dieser Minderleistung ist schwer kalkulierbar, kann aber sicherlich auch im Milliardenbereich angesiedelt werden.
  4. Ein anderer Bereich sind die Kosten von Neubesetzungen. Der Fachkräftemangel ist in jeder Munde, auch wenn er nicht jeden trifft. Dennoch, je spezifischer jemand gesucht wird, umso länger dauert die Suche. Während es früher noch Wochen dauerte, eine Stelle neu zu besetzen, sind wir heute im Durchschnitt bei mehreren Monaten gelandet, insbesondere bei Fachkräften.
  5. Das Schreckgespenst der Zukunft ist allerdings die demographische Entwicklung. (Allein zwischen 2005-2020 wird die Zahl der 35-44jährigen um 27% sinken). Insbesondere Mittelständler machen sich Sorgen, dass sie gute Mitarbeiter finanziell nicht halten können.

Zwischen diesen Punkten bewegen Sie sich als Führungskraft oder Unternehmer. Sie wollen die Mitarbeiter als Menschen wahrnehmen, zugleich sind Sie Leistungsträger und damit ein Mittel.

Sie wollen selbst als Mensch auftreten und gesehen werden, Nähe und Zugänglichkeit zeigen und zugleich sind Sie von der Rolle her als Entscheidungsträger auch auf Distanz angewiesen: Sie entlassen und stellen ein.

Das Thema “menschlich führen” kann und will diese Spannung nicht auflösen, ist aber bereit sich der Herausforderung zu stellen und versucht, einer Richtung nachzugehen, die Führungskräften und Mitarbeitern in ihren Bedürfnissen näher kommt. Das Ziel ist für beide gleich: Ein gelungenes Miteinander zum Wohle der Firma und damit letztlich für den Einzelnen.

Dabei geht es jetzt nicht einfach um die Vorstellung einer oder mehrerer Methoden – das wäre wie ein Aspirin gegen unternehmerische Kopfschmerzen. Es würde das Symptom aber nicht die Ursache beheben. Meine Ausführungen wollen mehr die Grundlagen legen und erst am Ende die eine oder andere Konkretisierung nennen.

Nähern wir uns also der Frage: Wie kann ich so menschlich führen, dass die guten Mitarbeiter bleiben und die schlechteren sich verbessern können. Warum wollen Mitarbeiter bleiben? Was motiviert sie, besser zu werden, damit sie bleiben wollen?

An sich sind die Einzelbereiche aus dem Retention-Management ja bekannt (Vergütung, Sonderleistungen, Personalentwicklung, Arbeitsumfeld) – aber liegen Wertigkeiten vor?

Ich wurde zu meinem Thema durch zwei Veröffentlichungen von Joachim Bauer angeregt[1]. Er ist Medizinwissenschaftler und Psychotherapeut. Die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung deuten deutlich darauf hin, dass das alte darwinistische Prinzip “das Gesetz des Stärkeren” falsch ist – Kampf, Ellbogentechnik, Verdrängung stellt er in Frage.

Seine These lautet vielmehr: Der Mensch ist auf soziale Resonanz und Kooperation angelegt. Hier liegen unsere Motivationsfaktoren – hiervon gehen unsere Kraft und unsere Gesundheit aus.

Er verdeutlicht das an Hand dreier Botenstoffe in uns, die wir brauchen, um motiviert zu sein.

  • Dopamin: Es löst ein Gefühl von Wohlbefinden, Konzentrationsfähigkeit, und Handlungsbereitschaft aus. Es sorgt für Antrieb und Energie. Dopamin ist ein Kraftstoff Marke super plus.
  • Opioide: Sie wirken wie Heroin und Opium, mit dem Unterschied, dass sie vom Körper selbst erzeugt und gut abgestimmt werden. Der sanfte, wohltuende Effekt wirkt auf das Emotionszentrum im Gehirn und erzeugt ein besseres Ich-Gefühl und Lebensfreude. Hier haben wir bereits schon zwei wichtige Elemente: Antriebskraft und Antriebsfreude.

(Hier liegt übrigens die Suchtproblematik: Alkohol, Kokain bewirken die Ausschüttung von Dopamin und das gefällt dem Körper so gut, dass er einen Motivationsdruck verspürt und nach der Droge verlangt. Aber der Körper hat ja die Stoffe – die Frage ist vielmehr, wie komme ich daran, ohne Drogen dafür zu brauchen?)

Wann schütten wir solche Stoffe aus: Die Antwort ist neurobiologisch klar: Alle sozialen Formen des Zusammenwirkens tragen zu unserer Motivation bei: Der Kern aller Motivation ist zwischenmenschliche Annerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung – man spricht heute vom sozialen Gehirn, d.h. die beste Droge für den Menschen ist der Mensch!

Im Grunde genommen wissen wir es und beobachten es: Soziale Isolation, Ausgrenzung, wenn es über eine lange Zeit geht, sorgen für Apathie und Zusammenbruch. Arbeitslose haben am Ende keine Kraft mehr, etwas gegen ihr Schicksal zu machen. Die Motivation ist weg, weil sie neurobiologisch den Zusammenbruch ihres Motivationssystems erleben.

Alle Ziele, die wir somit im Alltag verfolgen, ob privat oder im Beruf, unbewusst oder bewusst, sind letztlich auf eine zwischenmenschliche Beziehung ausgerichtet – Unser Bemühen, ja unsere Natur ist es, gesehen zu werden.

Aber ein dritter Stoff ist noch von Bedeutung, der erwähnt werden muss und für die Arbeitssituation von Bedeutung ist.

  • Oxytozin kommt bei langfristigen Bindungen zum Tragen und schafft, wenn man so will, den Antriebsgrund. Es wird bei vertrauensbildenden Beziehungen hergestellt und hat auch den Effekt, dass es rückwirkend stabilisiert, d.h. es erhöht die Bereitschaft, Vertrauen zu schenken.Es ist unser soziales Gedächtnis, was hier entsteht. Es wird z.B. durch gemeinsames Lachen oder Singen erzeugt.

Wir können somit sagen: Menschen, mit denen wir eine positive Erfahrung gemacht haben, aktivieren unsere Motivationssysteme und umgekehrt auch: Menschen, mit denen wir negative Erfahrungen machen, demotivieren: Hier müssen wir uns bewusst machen, dass – in Untersuchungen nachgewiesen – der Demotivationsfaktor Nr. 1 für Arbeitnehmer der Vorgesetzte ist!

Dr. Edgar Machel ist Senior Consultant der mpu Unternehmensberatung GmbH, Neumünster
(Der zweite und letzte Teil wird an dieser Stelle am 11. Dezember 2009 veröffentlicht)

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[1] Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren, Hoffmann & Campe 2006; das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus, Hoffmann & Campe 2008

Kommentare

2 Meinungen zu “Menschlich führen”

  1. Tweets that mention Menschlich führen : leadership.info -- Topsy.com on 7. Dezember 2009 20:36

    [...] This post was mentioned on Twitter by Leadership.Info, Leadership.Info. Leadership.Info said: Edgar Machel: Menschlich Führen #Leadership #Führung http://www.leadership.info/1100/menschlich-fuehren/ [...]

  2. Menschlich führen 2. Teil : leadership.info on 11. Dezember 2009 09:07

    [...] ist Senior Consultant der mpu Unternehmensberatung GmbH, Neumünster (Der erste Teil wurde hier am 7. Dezember 2009 [...]

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